Wie die Familiennamen entstanden

Der folgende Bericht beweist, daß hinter jedem Namen eine interessante Geschichte steckt. Hinter “Bauer” und “Becker” genauso wie hinter “Kulenkampff” und “Rummenigge”.

Herr Ottogentschenvordemfelde kann immer wieder erleben, daß seinem Gegenüber vor Staunen fast der Mund offen stehen bleibt, stellt er sich bei einer Party oder einem neuen Arbeitgeber vor. “Wie bitte? Otto Genscher....äh....Vorfeld?”. “Ottogentschenvordemfelde” wird er geduldig wiederholen und seinen Namen langsam buchstabieren. Er ist schließlich Kummer gewöhnt mit seinem komischen, unaussprechbaren, endlos langen Familiennamen. Wirklich: Der Name klingt merkwürdig. Und doch ist eigentlich nichts Besonderes an ihm. Er ist entstanden wie alle Namen: Irgendwann ist jemand so genannt worden - und dabei ist es geblieben.

Namensforscher haben nachgewiesen, daß es in Deutschland etwa 300 000 Familiennamen gibt. Manchmal ist es schwierig, eine Erklärung dafür zu finden, wie die Träger dieser Namen dazu gekommen sind. Im Falle von Herrn Ottogentschenvordemfelde (und aller anderen Bürger, die so heißen wie er) ist das hingegen sehr leicht: Der Mann mit dem unaussprechbaren Langnamen gehört nämlich zu der Gruppe von Deutschen, die zuletzt ihren Familiennamen bekommen haben: vor etwa 150 Jahren. Die Vorfahren von Herrn Ottogentschenvordemfelde lebten als Knechte im Westfälischen, als “Heuerlinge”, die für die Arbeit auf den Feldern angeheuert wurden. Einer seiner Vorfahren hieß Otto. Als es um 1830 Gesetz wurde, daß jeder Deutsche einen Familiennamen haben mußte, erfand der Dorfschreiber einfach einen. Jetzt hieß Otto nach dem Platz, wo seine Kate stand. Die befand sich “vor dem Felde” beim “Gentschenhof”. Seit diesem Tage hat die Familie einen der originellsten Nachnamen in Deutschland- und zugleich den längsten: Wenn man nachzählt, sind es genau 24 Buchstaben.

Wir haben seine Entstehung so ausführlich beschrieben, weil man daran sehr gut beobachten kann, wie jeder von uns zu seinem Namen gekommen ist. Wissenschaftler sagen, daß die allermeisten unserer etwa 300 000 deutschen Familiennamen zwischen dem zwölften und sechzehnten Jahrhundert entstanden sind. Jeder hat seine eigene Geschichte, die eng mit dem Schicksal des Menschen zusammenhängt, der ihn als erster getragen hat. Wir sollten deshalb auf unseren Namen achten, egal ob er uns oder anderen gefällt, egal ob wir uns erklären können, warum wir so und nicht anders heißen.

In der Zeit, als die ersten Namen aufkamen, hatten die Menschen noch viel mehr Respekt davor, wie man sie nannte. Wer beispielsweise im alten Ägypten “einen Namen gemacht” hatte, sorgte dafür, daß man diesen Namen stets behutsam aussprach. In Ägypten war es für einen Mann von Stand selbstverständlich, sich intensiv mit der Etymologie, dem Ursprung seines Namens, zu beschäftigen. Wer seinen Pharao bloß “mechanisch” ansprach, mußte mit schweren Strafen rechnen.

Wie die Menschen damals hießen, können Altertumsforscher beispielsweise in altägyptischen Pyramidentexten nachlesen. Sie gehören zu den ältesten schriftlichen Zeugnissen menschlicher Kultur. Wie die Urmenschen zu ihren Namen kamen, verliert sich dagegen im Dunkel der Geschichte. Man kann nur vermuten: Als die frühen Menschen sprechen lernten, fingen sie an, die Gegenstände um sie herum ( den Baum, die Höhle, den Fluß, den Bär ) mit Namen zu belegen - und wohl auch ihre Mitmenschen. Es war notwendig, einen Menschen vom anderen unterscheiden zu können. Je mehr Menschen es gab und je komplizierter das Leben wurde, desto wichtiger wurde Differenzierung und Unterscheidung..

Bis vor etwa 1000 Jahren kam man bei uns mit einem Namen aus. Jetzt aber mußte zu diesem Namen, den wir heute Vornamen nennen, noch ein zweiter gefunden werden, der Nachname, wobei es zu allerhand Ungereimtheiten kam. Doch über diese Ungereimtheiten später mehr. Wichtig ist zunächst dies: Hatte sich ein Mensch erst einmal an den Namen gewöhnt, den er von seiner Umgebung bekommen hatte, wurde dieser Name zu einem wichtigen Teil von ihm selbst, zu einem wichtigen Teil seiner Persönlichkeit. Eigentlich bekommt der Mensch erst durch seinen Namen seine Identität.

Goethe schreibt in “Dichtung und Wahrheit”: Der Eigenname eines Menschen ist nicht etwa wir ein Mantel, der bloß um ihn her hängt und an dem man allenfalls zupfen und zerren kann, sondern ein vollkommen passendes Kleid, ja die Haut selbst ihm über und über angewachsen, an der man nicht schaben und schinden darf, ohne ihn selbst zu verletzen. Den Germanen beispielsweise galt diese “Namenshaut” als heilig. Nach ihrem Recht war die Tötung eines Kindes, das noch keinen Namen erhalten hatte, nur Tötung der Leibesfrucht, nicht aber Kindstötung - und wurde entsprechend milder bestraft.

“Nomen est omen”, Namen ist Vorbedeutung. Bei Bundeskanzler Helmut Schmidt und CDU-Oppositionsführer Helmut Kohl fällt es ziemlich leicht, die “Vorbedeutung” zu erkennen; ihre Vorfahren werden wohl etwas mit dem Schmiedehandwerk und dem Ackerbau zu tun gehabt zu haben. Was aber ist mit Karl-Heinz Rummenigge, Torschützenkönig der abgelaufenen Fußballbundesligasaison von Bayern München? Und was ist mit Inge Meysel, der bekannten Hamburger Schauspielerin? Die Antworten: Rummenigges waren im Mittelalter Leute, die im Rheinisch-Westfälischen eine ganz bestimmte Weinsorte aus Rumänien bevorzugt tranken oder damit handelten: den Wein “Rummenigge”. Inge Meysel müßte eigentlich “Inge Mäuschen” heißen: Im zwölften Jahrhundert war eine “Meysel” eine kleine Maus.

Daß wir uns der Bedeutung vieler unserer Familiennamen kaum noch erklären können, kommt daher, daß wir heute eine ganz andere, moderne Sprache sprechen als im Mittelalter. Viele Namen sind aber in ihrer ursprünglichen Form erhalten geblieben -oder aber von Stadtschreibern oder Pfarrern so aufgeschrieben worden, wie sie die Namen hörten - falsch; oft auch aus Böswilligkeit absichtlich falsch. Die meisten Bürger, die aufs Amt kamen, um vielleicht einen Vertrag beglaubigen zu lassen, konnten nämlich nicht schreiben - so wurde aus einem Man namens Kuhlenkamp ( Kuhle und Kamp = eingefriedeter Acker ) leicht Kuhlenkampff, aus dem Namen Clevisch ( soll heißen: aus Kleve/Niederrhein stammend ) sogar einer mit einer vollkommen anderer Bedeutung - Kleefisch. Trotz aller Verwirrung: Es gibt ein ganz einfaches System, um herauszufinden, wie unsere Familiennamen entstanden sind. Der deutsche Namensforscher Friedrich Wilhelm Weitershaus ( Gütersloh ) hat die Abstammung unserer Familiennamen im Auftrag der Gesellschaft für Deutsche Sprache in Wiesbaden genau untersucht - und eine Ordnung in die scheinbare Unordnung gebracht. Laut Weitershaus gibt es bei uns sechs wichtige Namensgruppen: 1. Herkunftsnamen, 2. Berufsnamen, 3. Spottnamen, 4. Häuser- und Flurnamen, 5 Namen fur besondere Eigenschaften, 6. Familiennamen, die aus Vornamen entstanden.

Nur einige Beispiele: Aus Jakob wurde Jakobs ( Familienname vom Vorname stammend ), aus Bäcker wurde Becker ( Berufsname ), aus einem Bürger, der aus Braunschweig stammte, Braunschweiger ( Herkunftsname ), aus Bachmann schließlich Beckmann (Häuser- und Flurname). Weiter: Ein Handwerksbursche, den man oft zum Bierkaufen schickte, hieß fortan “Holdasbier” - ein Spottname, den er nie wieder loswurde, genauso wie Meister Zwick, der Schuster. Heißt jemand Frühling, so hat das meist wenig mit der schönsten Jahreszeit zu tun, vielmehr damit, daß einer seiner Vorfahren früh auf den Beinen war ( Bäcker beispielsweise ) - oder aber zu früh geboren worden war: ein “Frühling” in des Wortes wahrster Bedeutung.

Waren die Vorfahren des Polit-Sängers und Liedermachers Wolf Biermann dem Alkohol besonders zugetan? Mitnichten! In einer Untersuchung hat der Namensforscher Dr. Hans Bahlow aus Hamburg festgestellt, daß alle Biermanns in Niederdeutschland bis zum 18. Jahrhundert noch “Bermann oder Beyrmann” genannt wurden - und das bedeutete im Mittelhochdeutschen und Niederdeutschen nichts anderes als Eber. Die Bermänner waren demzufolge Bauern, die den Zuchteber in einem Dorf besaßen. Namen wie Schluckebier, Frischbier oder Mögebier lassen laut Bahlow dagegen darauf schließen, daß die Vorväter dieser Namensträger das liebste Getränk aller Deutschen besonders liebten - genauso wir die Altvorderen von Herrn Weinzierl unserem zweitgeliebten Getränk zugetan waren: dem Wein.

Schwierig wird es bei der deutschen Namensvielfalt vor allem dann, wenn wir uns Namen erklären wollen, die von ausgestorbenen Berufen kommen. Nennt sich jemand etwa Plattner, war einer seiner Vorfahren mit Sicherheit damit beschäftigt, Platten für Ritterrüstungen herzustellen. Nehmen wir den Namen Lepper (auch Leppert) oder Reußer, so verbergen sich auch dahinter Berufe, die es nicht mehr gibt. Die Lepper waren Handwerker, die aus altem Leder neue Schuhe machten, die Reußer flickten alte Schuhe.

Sprachforscher Weitershaus sagt: Wenn man weiß, aus welcher Gegend Deutschlands jemand ursprünglich stammt, ist es auch ziemlich leicht.die frühere Bedeutung seines Namens zu erkennen. In Süddeutschland beziehen sich beispielsweise etwa 25% aller Nachnamen auf Flur und Haus - Brucker kommt von Brücke, Bacher von Bach, Moosleitner von einer abschüssigen Wiese, der Leite, an einem Moos/Moor.

So kompliziert es oft sein kann, sich mit der Geschichte unserer Familiennamen zu beschäftigen, so spannend ist es auch. Namen sind - wie gesagt - ein Teil unserer Identität, sie sind bei einem Volk mit einem großen Namensreichtum zugleich auch ein Zeichen für die Identität eines ganzen Volkes und seiner ereignisreichen, wechselvollen Geschichte.

Über nicht so viele Familiennamen zu verfügen, kann bisweilen ein Problem werden. Im kleinen Dänemark zum Beispiel gibt es nicht weniger als 400 000 Bürger mit dem Namen Jensen. In Korea existieren dagegen überhaupt nur 249 Familiennamen. Schlimm daran: Über die Hälfte aller 35 Millionen Südkoreaner heißen Kim, Lee, Park oder Choi. Alle Kims beispielsweise glauben daran, von dem legendären Fürsten Kim Alchi abzustammen, der, obgleich sterblicher Mensch, laut Überlieferung vor 1920 Jahren einer goldenen Truhe entstieg. Jetzt wird es in diesem Land schwierig, wenn Herr Kim Fräulein Kim heiraten möchte. Nach koreanischer Gesetzgebung sind sie nämlich miteinander verwandt.

Zum Glück ist die Entwicklung unserer Familiennamen lange abgeschlossen. Es kann also nicht passieren, daß Fräulein Kleinhenn ( Bedeutung: “Kleiner Johannes”), die in einem Büro fleißig Geschäftsbriefe tippt, plötzlich “Fräulein Schreibmaschine” heißt. Kein Witz, sondern ähnlich passiert in der jüngsten Vergangenheit in der Türkei. Als vor etwa 50 Jahren unter Präsident Kemal Atatürk der moderne Staat Türkei geschaffen wurde, erhielten die Bürger zum ersten Mal auch Nachnamen. Dabei gingen die Behörden oft recht willkürlich vor. Da hieß dann einer plötzlich “Sohn dessen mit wenig oder ohne Bart” - “Sohn dessen, der niemals lügt” oder aber Herr Armut oder Herr Dumm.

Schön, daß es so etwas bei uns nicht mehr geben kann. Jetzt aber droht unseren traditionsreichen Familiennamen von ganz anderer Seite Gefahr: Regierung und Ministerien in Bonn wollen unter dem Stichwort “Personenkennzeichen” für jeden Bürger Codekarten einführen, die alle unsere persönlichen Daten für Computer lesbar machen sollen. Vielleicht ganz praktisch, zu Recht aber in der Öffentlichkeit heftig kritisiert. Mal abgesehen davon, daß Behörden dann beliebig oft unkontrolliert “sensible Daten” von uns abrufen und wir dann zum Überwachungsstaat werden könnten, bekommen viele Bürger auch Angst davor, bald vielleicht bloß noch eine Nummer zu sein.

Sicher, Hans Müller oder Klaus Meier werden auch weiterhin so heißen. Trotzdem kann man die Furcht vieler Bürger verstehen, die Furcht, eines Tages nur noch unter einer Code-Nummer bekannt zu sein - und nicht unter dem richtigen Namen. Verlieren wir unseren Namen, verlieren wir zugleich auch einen Teil unserer Persönlichkeit. Unser Name muß deshalb mindestens genauso geschützt werden wie unsere Verfassung.

Jochen Malms

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Anmerkung: aus P.M. ( Peter Moosleitners interessantes Magazin ) 8/1980         vom 18.7.1980

 

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